Die Querung des Gleichers  

Text: Michael Kress

Gabriele Münter, Wassily Kandinsky, Emil Orlik, René Beeh, Paul Klee, August Macke, Louis Moilliet, Karl Hofer, Max Pechstein Paul Gauguin, Ottilie Reylaender, Walther Spies … um nur einige Namen der klassischen Moderne zu nennen, haben etwas für sich in Erfahrung gebracht, was ein Jahrhundert später zum Common-Sense einer Informations-Gesellschaft gehört.
Sie reisen, nach Asien, Lateinamerika, Australien oder Alaska. Reisen als Zeitgabe außerhalb des Alltäglichen, um sich in der Entfernung und Fremde zu erfahren.

Wohlmöglich sind Bilder, die etwa Gauguin oder Macke und Klee mitbrachten, heute eine Matrize für die Sehnsucht vieler, die heute von einer Tourismus-Industrie professionalisiert befriedigt werden soll. Künstler reisen heute ebenso, um etwas zu-er-fahren. Nur haben sich die Umstände verändert.
Heute dauert eine Reise nach Japan von Europa keine 12 Stunden und es ist verglichen zu den Reisen Gaugins höchst wahrscheinlich, dass der Verlauf der Reise auch der Planung entspricht. Wer im 19. Jahrhundert sich auf machte den Äquator zu queren, so musste er mehrere Wochen auf schwerer See unterwegs sein. Ungewiss war nicht nur die Dauer der Überfahrt, sondern auch sein glücklicher Ausgang. Die Querung des Äquators war somit auch immer ein außergewöhnlicher Moment der Reise. Erste Querungen wurden mit eindringlichen Ritualen begangen. Diese Initiation brachte den Erst-Überquerer in eine exklusive Gesellschaft. Im deutschen Sprachgebrauch gab es für das Wort Äquator das Synonym des „Gleichers“. Also jener Markierung, die den Globus in zwei Hälften teilt. Dieser Gleicher ist nicht nur geografisch zu verstehen, sondern auch ein Bild, das eine symbolische Entfernung zwischen zwei Sachverhalten beschreibt. Was ist an dem einen Ort der Fall und wie verhält es sich an dem anderen Ort. Wie versteht sich Kultur hiesig und wie vis-a-vis. Der Äquator zieht hier eine imaginierte Linie, die überquert sein möchte, um auf der jeweils anderen Seite einen Differenz zum Eigenen zu erfahren.
Die Richtung der Querung ist entscheidend für die Perspektive eines Prozesses, der das Andre versucht im Bekannten zu verorten. Die Künstlerreise (auch der Künstleraustausch) versteht sich allgemein als eine erprobte Methode zur Erweiterung des künstlerischen Vokabulars.

Überkommen ist eine Romantisierung der Künstlerreisen als Erfüllung von Sehnsüchten nach einer unverdorbenen und fremden, vielleicht naiven Kultur. Die Reise in die Fremde wird verstanden als Inspirationsquelle, Überprüfung der künstlerischen Position und Motor weitere Schritte zu gehen. Doch was sieht der Künstler, wenn er seinen Blick auf vermeidlich Anderes lenkt?
Erinnern wir uns an die Künstlernamen am Anfang dieses Textes, so ist die Frage berechtigt, ob diese Künstlerreisen eine Ästhetisierung eines kolonialen Eroberns der Fremde formuliert. Diese Exploration aus einer eurozentrischen Sicht erfüllt den Zweck, das Repertoire der West-Artistiken von außen zu beleben.

Die Frage sei erlaubt, ob sich Picasso mit afrikanischen Masken beschäftigte, um das eigentliche dieser Kunst zu durchdringen, oder ob dies eine Belebung seiner avantgardistischen Ästhetik sei.

Und wie ist diese Thema nun heute zu begreifen. Was geschieht wenn West-Künstler in Afrika unterwegs sind. Was verstehen wir in Europa, wenn sich die Aufmerksamkeit des Ausstellungbetriebes und des Kunstmarktes etwa auf chinesische Künstler fokussieren? Geht es uns heute um Austausch mit dem Gegenüber? Wie kann es noch vermeidlich Fremdes geben, wenn alle Winkel der Welt bereits von Google-Street-View ausgeleuchtet wurden?

Während in der Vergangenheit die Künstlerreise einer gewissen Exotik folgte, so kann diese heute andere, untersuchende Strategien verfolgen, die sich im kleinteiligen Erschließen und einer Reduktion im Blick vergewissert.
Es geht vielleicht nicht mehr um einen ganzen Humbolt-Kosmos, sondern ein Verstehen von Einzelheiten im jeweils Anderen. Digitale Konversations-/Dialogmedien geben strukturelle und universelle Möglichkeit für Künstler sich Global zu erproben. Systemisch gesehen, gibt es vermeintlich keine Notwendigkeit, die Metapher des Desktops zu verlassen. Tatsächlich wird diese Art des Austausches aber schnell zum Vorschein und so bald die elektronischen Kanäle ausgeschaltet sind, bleibt wenig mit Nachhalt zur Verfügung. Information und ihren Zugriff an nahe zu allen Orten der Welt verlangt eine andere Aufmerksamkeit, die jenseits des Messbaren liegt.
Die Andersheit des Gegenüber ist augenscheinlich im Digitalem-Netz porös und durchlässig. Man meint etwas schon gesehen zuhaben, man meint dieses sei einem bereits vertraut und die Momente der Differenz seien erkannt.
Doch nun stellt sich die Frage nach dem per se Unbekannten, dem Ort und dem Verständnis, dass auf der uns abgewandten „Dunklen Seite des Mondes liegt“. Ein Reisender Künstler wird nun Gemeinsam mit dem Anderen nach Orten suchen, die jenseits der Zugänglichkeit liegen. Ausgangspunkt können Werke der Kunstgeschichte der jeweiligen Kulturen sein, genauso wie global verbreitete Formate der Popkultur, wie Musik oder Film. Der Austausch vollzieht sich auf der Ebene des sich Einlassens auf einen gemeinsamen Sachverhalt. Von hieraus versteht sich die Künstlerreise als eine geistige Bewegung in einem dialogischen Hin und Her.

Die Querung des Äquators folgt der Orientierung am Anderen und verlässt die Vorgabe der geographischen Kartierung.

(Auszug/Programm/FRISE/2013)